Sonntag, 5. Oktober 2014

Von einem der nach Hagen zog, um dort zu lesen

04.10.2014

Der Tag beginnt für mich so ähnlich wie für die Figur in meiner Geschichte "Zwergenaufstand", die ich später vorlesen werde. Der Radiowecker reißt mich aus dem Schlaf und ich schleppe mich mit meiner morgenglichen Scheißegalstimmung ins Badezimmer. Abends werde ich beim ersten "Book meets Metal" meine erste Lesung haben.
Und weiter? Wenn ich morgens aufstehe, könnte meine Frau mir erklären, dass Godzilla ein Häufchen in unserem Garten hinterlassen hat und es würde mich nicht interessieren.
Sowieso, erst einmal ruft der Brotjob und der wird mich für mehrere Stunden ablenken.
Danach geht es wieder nach Hause und diesmal brauche ich wegen dem Fußballspiel Dresden gegen Arminia Bielefeld viermal solange wie sonst. Zum Glück habe ich es nicht weit.

Zuhause wird sich schnell frisch gemacht, umgezogen und alles, was nicht am Abend zuvor ins Auto verfrachtet wurde, hinzu verfrachtet. Dann geht es auf nach Hagen. Meine Frau fährt, das gibt mir Zeit die vergangenen Monate noch einmal zu überdenken.

Ich glaube es war Anfang Juli, als Mendea de Scalett mich auf Facebook angeschrieben hat, ob ich beim ersten "Book meets metal" mitmachen möchte. Das Konzept: Vier Lesungen, begleitet von akustischer Musik verschiedener Bands. Hinterher gibt jede davon ein Konzert. Mit Stecker in der Dose, versteht sich.
Mein erster Gedanke: "Auf gar keinen Fall! Nie im Leben! Vergiss es! Ich habe genug Lampenfieber, um ein ganzes Dorf damit versorgen zu können."
Und dann: "Aber wann hast du wieder die Chance so etwas zu tun?"
Ich brauchte etwas Bedenkzeit, musste sehen, ob ich das zeitlich mit meinem Brotjob einrichten kann. Und dann war die Sache klar. Ich würde mitmachen.
Mendea wollte ihre Geschichte "Fallakte: Red coyote diner" aus der Anthologie "Phantastisches Frühstück" und ich meine Story "Zwergenaufstand" aus dem Gegenpart "Bösartiges Frühstück" vortragen.
Passte also.
Als nächstes bekam ich drei Bands vorgestellt. Mit einer würden wir beide auf die Bühne gehen und uns musikalisch begleiten lassen. Eine weitere Premiere, denn keine hat je zuvor akustisch vor Publikum gespielt.
Mendea überließ mir die Qual der Wahl und ich entschied mich für Denial, da ihr Stil mich etwas an Machine Head erinnert und ich darauf stehe. Glücklicher Zufall: Denial gehören zu den Metal Maniacs in Hagen, die das "Book meets Metal"  organisiert haben.
Passte also auch.

Für mich hieß es nun also üben, üben, üben. Es war noch eine Menge Zeit, aber sicher ist sicher. Und ich wollte herausfinden, wer meine Mitstreiter sein werden.

Jochen Ruscheweyh würde mit Torian auftreten und über den Bandalltag lesen.
David Rohlmann, begleitet von Saphenous, hatte eine Zombiegeschichte parat.
Und danach sollten Mendea, Denial und ich folgen.
Ein sehr abwechslungsreiches Programm, wie man sehen kann. Doch es sollte noch besser kommen. Als Headliner für das eigentliche Konzert konnte die Band Rebellion gewonnen werden. Holla, die Waldfee!
Ganz ehrlich, damit habe ich nicht gerechnet.
Ich war sehr gespannt, hatte immer wieder Kontakt zu den anderen Autoren und Bandmitgliedern und nie das Gefühl, dass wir das Ding gegen die Wand fahren würden. Natürlich wusste keiner von uns, was uns erwarten sollte, aber wir waren alle überzeugt, dass es klappen wird.

Zurück im Auto:
Ein Verkehrsschild kommt in Sichtweite.
Hagen 28 Kilometer.
Okay, ich hab noch genug Zeit, um ...
Hagen 8 Kilometer.
Was? Moment mal!
Willkommen in Hagen.
Das geht jetzt aber doch etwas schnell ...
Und da ist auch schon der Werkhof, wo das Event stattfinden soll. Jetzt gibt es kein zurück mehr.
Wir haben Glück mit dem Wetter und so treffen wir Mendea, David und seine Freundin Maria schon draußen an. Ein sehr herzlicher Empfang. Mendea zeigt uns den Werkhof und natürlich den Merchandise-Stand, an dem ich "Bösartiges Frühstück" auslegen werden. Ah, das Album von Denial liegt auch bereit. Schon so gut wie gekauft. Aber erstmal den Ort des Geschehens die Bühne betrachten. Ein sehr cooler Raum, der mich an einen Bunker erinnert.
Warum das cool ist? Es ist die perfekte Location für ein Metalkonzert und Horrorgeschichten. Die Metal Maniacs sind mitten im Aufbau und ich hätte nicht gedacht, dass es so viele sind. Sehr nette Leute und ich habe keinem von ihnen Stress angesehen. Und das an solch einem Abend. Respekt!
Mir wird kurz darauf gesagt, dass ich nervös und zappelig wirke. Lag aber ehrlich gesagt am Hunger. Eine große Sammelbestellung für den Griechen um die Ecke wird aufgenommen. Nein, nicht nur für mich! Für alle!



(Die Autoren. Von links: Jochen, Mendea, David, Maria, meine Wenigkeit) 

Bevor gefuttert wird, lernen wir einander kennen. Jochen ist inzwischen ebenfalls mit seiner Freundin Jeanette eingetroffen. Wir quatschen miteinander, ein Zeitungsfotograf macht 'nen Schnappschuss von den Autoren und das Essen trifft pünktlich zum Soundcheck ein. Lecker Gyros Pita. So haben die Zuschauer in den ersten Reihen auch was davon. Jeder Autor liest ein paar Sätze auf der Bühne ins Mikro, bekommt was dazu gesagt und dann kommt der nächste.
Ich sehe mich schon auf der Bühne stolpern, das Mikro im Sturz verschlucken oder, dass ich vor Aufregung nicht die einfachste Anweisung des Tontechnikers verstehe und er alles hinschmeißt, wutenbrannt den Laden verlässt und "Book meets Metal" wegen mir abgesagt werden muss.
Ich lese den ersten Satz meiner Geschichte.
Tontechniker: "Danke, das reicht."
Wow, war ich so schlecht?
Nö, alles prima. Ein paar kurze Hinweise, möglichst nahe am Mikro zu sein, damit die Stimme deutlich verstanden wird und dann sind wir auch schon fertig. Backstage gibt es Getränke und belegte Brötchen. Genug für alle. Dort hinten ist jedoch nur wenig los, denn bei der ersten Lesung und dem Auftritt von Jochen mit Torian sind wir alle draußen, um zu zusehen.
Keiner wusste, wie viele kommen würden. Der eine sagte 5, der andere 200. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber so viel sei gesagt: Die etwa 50 Sitzplätze waren ratzfatz vergeben und dann gab es ja noch Stehplätze.
Kurz gesagt: Die Hütte war voll! Sehr schön, denn die Erlöse kommen einem wohltätigen Zweck zu Gute.

Unser Moderator, Michael Goehre, bekannt als Poetry Slammer, DJ, Autor und Metalfan führt unterhaltsam und mit viel Witz durch den Abend. Zuerst kündigt er Jochen und Torian an.
Akustisch sind die Jungs genauso talentiert wie mit Verstärker. Gefällt mir sehr gut und Jochens humorvoller Text ist ein toller Opener, um das Publikum warm zu machen.

(Jochen und Torian machen den Anfang.)



Den Auftritt von David und Saphenous habe ich leider nicht mitbekommen, da ich mit Denial und Mendea backstage unseren eigenen besprechen wollte, allerdings wurde das Event gefilmt und ich hoffe an eine Kopie zu kommen, um es mir nachträglich ansehen zu können. Meine Frau hat ihn jedenfalls gelobt und war besonders vom Twist seiner Geschichte begeistert.

(David mit Saphenous)
 Backstage versuche ich die wieder aufsteigende Nervosität zu besiegen. Tatsächlich war ich überraschend ruhig, bis unser Auftritt immer näher rückte. Auf der Couch sitzend halte ich nach Fluchtwegen Ausschau. Aber die Metal Maniacs sind überall, also sehe ich Denial beim Proben zu und entspanne mich wieder etwas. Die Jungs machen ihre Sache toll, die Musik ist klasse. Wenn ihr das hier lesen solltet: Schon mal über eine Akustik-EP nachgedacht?
Auch wenn ich von Davids Auftritt nichts mitkriege, den tosenden Applaus hören wir bis zu uns in den Backstagebereich und immer wenn die Tür aufgeht, befürchte ich, dass jemand schreit: "Ab auf die Bühne mit euch! Los! Los! Los!"
Die Tür ging leider sehr oft auf ...
Aber irgendwann ist es so weit. Mendea sagt: "Es geht los."
Und ich denke: "Bin ich dafür bereit? Nein. Ist mein Hosenstall zu? Ja. Wenigstens etwas."

(Wir wirken entspannt, aber wenn ihr wüsstet...)
 Doch vor unserem Auftritt gibt es einen kleinen Umbau und wir haben noch 15 Minuten Zeit.
Ich stürme in Richtung Toilette, als mich eines der Metal Maniacs Mitglieder fragt: "Was machst du denn hier?"
"Öh ... Bier weg bringen?"
"Dann aber hopp! Und dann ab auf die Bühne!"
Zu Befehl.
Und siehe da: Kaum sitze ich dort, ist das Lampenfieber wie weg geblasen. Gut, ich hatte Mendea den Vortritt gelassen und konnte mich hinter ihr wie hinter Denial verstecken, doch mein Herzschlag normalisierte sich.

(Michael kündigt unseren "großen Auftritt" an.)

(Mendea trägt ihre Geschichte (fehlerfrei!) vor.)

Mendea las ihre Geschichte, wenn ich das richtig mitbekommen habe, fehlerfrei! Nicht ein Ruckler. Verdammt, da konnte ich nicht mithalten. Nach verdientem Applaus tauschen wir die Plätze, Denial spielen noch zwei Stücke und ich wünsche mir das stille Wasser in Schnaps verwandeln zu können. Klappt aber nicht.
Dann bin ich dran und wer klopft denn da an die Tür? Mein alter Freund das Lampenfieber. Warst wohl auch eben mal Bier weg bringen, was? Hättest dir ruhig mehr Zeit lassen können. Sackgesicht!
Egal. Ich sitze am Mikro und ziehe das jetzt durch. Erstmal kurz vorstellen, das Buch noch einmal schön zeigen und dann geht es los.

(Los geht's!)

(Trotz Gemetzel darf auch gelacht werden.)
Meine Geschichte ist mit etwas Humor gespickt und nach den ersten paar Sätzen ernte ich den ersten Lacher. Auf diese Reaktion hatte ich gehofft. Meine Hände zittern, ich verlese ich mich zwei oder drei Mal im Text. Egal, denn ich merke, dass die Leute an den richtigen Stellen lachen und als wir zum blutigen Teil der Geschichte kommen, höre ich das eine oder andere Stöhnen ... und Gelächter.
Scheiß die Wand an! Es läuft und ich habe inzwischen richtig Spaß.
Bei einer derben Splatterszene fängt bereits einer an zu klatschen. Ich kann es kaum glauben und so nervös ich auch noch bin, ich freue mich innerlich wie ein kleines Kind zugesagt zu haben.
(Selten lagen Spaß und Leid so nahe beieinander)
Die Geschichte ist zu Ende, ich klappe das Buch zu und kriege Applaus. Wahnsinn. Eigentlich hatte ich mit Fackeln und Heugabeln gerechnet.
Kommentar des Sängers Gavin von Denial: "Ja, lecker."
Dann kommt noch ein Song.
Mendea sagt mir bereits, dass ich einige Lacher geerntet habe und die Minen der Zuschauer zwischen Ekel und Lachen wechselten. Ich hätte zu gerne mal hingesehen, war aber zu nervös.
Am Merchandise-Stand frage ich mal aus Spaß, ob sich "Bösartiges Frühstück" gut verkauft.
"Innerhalb der letzten fünf Minuten sind drei Exemplare weg gegangen."
Wow! Das freut mich. Ich wünsche den Käufern viel Spaß damit und fühle mich geehrt, dass ich einem von ihnen ein Autogramm geben durfte. 

Die Lesungen sind vorbei. Denial beginnen gleich mit dem Umbau, Mendea bedankt sich bei allen Beteiligten und ich frage mich: "Würde ich das trotz Lampenfieber wieder machen? Jederzeit!" 
Als nächstes rocken Denial und Torian die Bude. Von Saphenous konnte leider nur die Hälfte kommen, deswegen bleibt es beim akustischen Teil.
Rebellion kommen zuletzt und ich merke, wie ich allmählich müde werde. Meine Frau und ich hatten wohl den weitesten Weg und nachdem ich bereits früh aufstehen und arbeiten musste, sehne ich mich doch langsam nach meinem Bett. Gut, dass es so weit weg steht, denn ich bin immer noch total begeistert, wie gut der gesamte Ablauf organisiert war. An dieser Stelle ein großes Lob an die Metal Maniacs in Hagen. Das habt ihr toll gemacht und wenn es ein zweites "Book meets Metal" geben sollte und ihr Autoren braucht, gebt Bescheid.

Ich grüße auch David und Jochen, alle Bands, bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Mendea für die Einladung und den gelungenen Abend und werde mir jetzt noch einmal die Alben von Denial und Torian anhören.

Die nächste Lesung kann gerne kommen. Mein alter Feind Lampenfieber wird mich wieder begleiten, aber das gehört dazu. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht und ich werde diesen Abend nie vergessen. Ein schmalziger Schluss für diesen Text, aber das musste jetzt mal sein.

Bis dahin,

Thomas.

Kommentare:

  1. klingt nach einem super konzept! bei mir geht's zwar nicht so blutig zu, aber das würde mir auch mal spaß machen...

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  2. Es war ein unglaublicher Abend. Bei einer Fortsetzung wäre ich sofort dabei!

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  3. Hey!
    Falls du Interesse daran hast, meine Story nachzuholen: Amazon, "Keine Zoombies", eBook-Bundle mit 3 Kurzgeschichten für 0,89€ ;)
    Und wo ich schon so schamlos Werbung mache: Am Samstag war ich natürlich zu verplant dazu, aber hast du noch ein Bösartiges Frühstück da? Ich hätte nämlich gerne ein signiertes Exemplar ;)
    Viele Grüße,
    David

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